Zwischen Weltlage und Bordalltag: Erneute Bord-Erprobung von SeaWell

Wenn geopolitische Spannungen zunehmen, spüren Crews auf See die Folgen oft unmittelbar. Unsicherheit, hohe Belastung, Schichtarbeit und lange Trennungen von Familie und Alltag können das Wohlbefinden der Seeleute zusätzlich beeinträchtigen. Die aktuelle Lage auf zentralen Schifffahrtsrouten macht erneut sichtbar, wie wichtig praxistaugliche Unterstützung an Bord ist.

Genau hier setzt AI-healthy ship an. Das Projekt entwickelt mit SeaWell eine digitale Gesundheitsplattform, die Crewmitglieder im Bordalltag individuell unterstützen soll. Grundlage sind Angaben der Nutzer, Daten aus Wearables sowie Messwerte aus der Bordumgebung. Daraus sollen passende Empfehlungen für Erholung, Wohlbefinden und Selbstmanagement abgeleitet werden.

 

Aktueller Anlass

Die jüngsten Entwicklungen in der internationalen Schifffahrt zeigen erneut, wie sehr äußere Krisen die Arbeits- und Lebensbedingungen von Seeleuten beeinflussen. Gerade in solchen Situationen wird deutlich, dass Unterstützung an Bord nicht nur langfristig gedacht werden darf, sondern auch im konkreten Alltag funktionieren muss. Digitale Lösungen wie SeaWell sollen deshalb dort ansetzen, wo Belastung tatsächlich entsteht: mitten im Arbeitsrhythmus, unter realen Bedingungen und mit Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Crew.

 

Direkt von der Seereise zurück

Ein besonders aktueller Schritt im Projekt war die jüngste Borduntersuchung auf einem Schiff der Reederei Döhle auf der Route von Barcelona nach Piräus. Beim Sprint-Meeting am 22. April berichtete das Konsortium, dass die Wissenschaftler:innen Dorothee Dengler und Lukas Belz gerade erst von der Reise zurückgekehrt waren. Die Auswertung der erhobenen Daten war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen – entsprechend groß ist nun die Spannung auf die Ergebnisse.

Neben den wissenschaftlichen Erhebungen wurde auch der Testplan der Software unter Realbedingungen angewendet. Nach ersten Rückmeldungen funktionierte das System nach Erhalt der Konfiguration weitgehend im Plug-and-Play-Verfahren. Zudem wurden bereits 17 Accounts bei 20 Personen an Bord angelegt. Auch die Reederei unterstützte die Untersuchung intensiv und signalisierte großes Interesse an Fotos und einem Bericht.

 

Technik unter Realbedingungen

Für das Projekt war diese Phase auch technisch besonders wertvoll. Sensoren wurden direkt an Bord angebracht, die Systemkonfiguration wurde im laufenden Betrieb getestet und ein Fehler bei der Vibrationsmessung konnte korrigiert werden. Solche Einsätze zeigen, ob die Anwendung nicht nur im Testumfeld, sondern auch unter den praktischen Bedingungen auf See stabil funktioniert.

Gerade diese Robustheit ist entscheidend für die nächsten Entwicklungsschritte. Denn SeaWell soll perspektivisch nicht nur mit Begleitung eines Projektteams funktionieren, sondern möglichst verlässlich in einem Umfeld, das durch wechselnde Abläufe, unterschiedliche technische Voraussetzungen und begrenzte Zeitfenster geprägt ist.

 

SeaWell im Praxistest

Für das Projekt ist diese Bordphase besonders wichtig, weil sie nicht nur technische Fragen beantwortet. Entscheidend ist auch, wie sich App, Sensorik und Datenerhebung im tatsächlichen Bordalltag bewähren und wie die Crew die Anwendung erlebt. Genau dieses Zusammenspiel von Technik, Nutzung und Rückmeldung aus der Praxis soll SeaWell schrittweise verbessern.

Die Borduntersuchungen liefern damit nicht nur Daten, sondern auch wichtige Hinweise für die Weiterentwicklung der Nutzerführung, der Inhalte und der vorgeschlagenen Interventionen. Sie helfen zu verstehen, was im Alltag tatsächlich praktikabel ist, welche Funktionen angenommen werden und an welchen Stellen noch nachgeschärft werden muss.

 

Nächster Schritt: Auswertung und Lernen

Mit der Rückkehr des Teams beginnt nun die nächste wichtige Phase: die systematische Auswertung der gewonnenen Erkenntnisse. Ergänzt werden soll diese durch einen Reisebericht sowie ein Dokument mit Lessons Learned. Beides wird dazu beitragen, technische, organisatorische und inhaltliche Erfahrungen aus der Bordpraxis strukturiert in die weitere Projektarbeit einfließen zu lassen.

 

AI-healthy ship will dabei nicht nur Daten erfassen, sondern daraus konkrete Unterstützung für Menschen an Bord ableiten. Die laufenden Bordtests zeigen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse, maritime Praxis und digitale Entwicklung zusammengeführt werden, um Gesundheit und Wohlbefinden auf Handelsschiffen gezielt zu fördern.

Forschung im Gespräch mit der Praxis: Projektmitglieder stimmen Messgeräte, Abläufe und Einsatzbedingungen direkt mit einem Crewmitglied an Bord ab.
Forschung im Gespräch mit der Praxis: Projektmitglieder stimmen Messgeräte, Abläufe und Einsatzbedingungen direkt mit einem Crewmitglied an Bord ab.
SeaWell im Einsatz: Die App macht zentrale Gesundheits- und Aktivitätsdaten direkt auf dem Smartphone sichtbar.
SeaWell im Einsatz: Die App macht zentrale Gesundheits- und Aktivitätsdaten direkt auf dem Smartphone sichtbar.
Gemeinsamer Austausch an Bord: Crew und Projektbeteiligte während der laufenden Borduntersuchung mit SeaWell.
Gemeinsamer Austausch an Bord: Crew und Projektbeteiligte während der laufenden Borduntersuchung mit SeaWell.
Objektive Ermüdungsmessung im Einsatz: Die Pupillometrie liefert Hinweise auf Aufmerksamkeit, Müdigkeit und Belastung im Schichtalltag.
Objektive Ermüdungsmessung im Einsatz: Die Pupillometrie liefert Hinweise auf Aufmerksamkeit, Müdigkeit und Belastung im Schichtalltag.
Installation unter Realbedingungen: Sensorik wird direkt an Bord montiert und in die technische Infrastruktur integriert.
Installation unter Realbedingungen: Sensorik wird direkt an Bord montiert und in die technische Infrastruktur integriert.